DAS REGENBOGENSCHÄFCHEN
Ein Lebensmärchen
von ILONA
Wenn Du an manchen Sommertagen zum Himmel schaust und die weißen Schäfchenwolken
wandern siehst, dann schau genau hin: Es könnte sein, daß wieder geschieht,
was einmal geschah ...
... einst, an einem wunderbar warmen, blauen Sommertag, als Schäfchenwolken
am Himmel zogen und der liebe Gott gerade seinen Mittagsschlaf hielt ...
... da hüpften und spielten auf den Schäfchenwolken, ausgelassen wie eine frohe
Kinderschar, die Wolkenschäfchen. „Fang mich doch", rief eines der Schäfchen;
es war besonders übermütig, hüpfte ungestüm von Wölkchen zu Wölkchen und konnte
gar nicht genug bekommen. Immer schneller und weiter wurden seine
Sprünge,
kein anderes Schäfchen konnte es erhaschen.
Doch plötzlich fuhr ein Windstoß zwischen die Wölkchen und schob sie auseinander,
so weit, daß unser Schäfchen, das gerade zum Sprung angesetzt hatte, das nächste
Wölkchen nicht mehr erreichen konnte. Es stürzte ab. Es fiel und fiel, schnell
und schneller, fiel aus allen Wolken, fiel zwischen allen Wolken hindurch. Und
wäre nicht der Regenbogen gewesen, alles wäre schlimm ausgegangen!
Der Regenbogen jedoch fing das Wolkenschäfchen auf und ließ es in sausender
Fahrt auf seinem herrlichen Bogen erdwärts rutschen. Hui, wie das flitzte! Dem
Schäfchen wurde dabei ziemlich heiß, doch es konnte nichts anderes tun, als
die Rutschpartie geschehen zu lassen, bis es - mit einem kräftigen Ruck - auf
der Erde landete. Es war auf eine saftige, grüne Wiese gepurzelt, mitten hinein
in eine wollige Schafherde. Die Schafe hatten einen ordentlichen Schrecken bekommen
und waren blökend auseinandergesprungen, aber bald war ihre Neugier größer als
der Schrecken und sie kamen wieder vorsichtig näher, um zu sehen, was da vom
Himmel gefallen war. Da sahen sie staunend ein Schäfchen liegen, ein Schäfchen,
dessen Wolle - stell' dir vor! - in allen Farben des Regenbogens leuchtete.
Das Wolkenschäfchen hatte sich bei seiner Rutschpartie so erhitzt, daß es die
Farben des Regenbogens angenommen hatte. So lag es im Gras und strahlte die
Schafe an. Mäh, mäh, blökten diese voller Aufregung und drängelten und schoben
sich.
Der Schäfer hörte die Unruhe seiner Herde und sorgte sich sogleich, denn er
war arm und hatte sieben Kinder. Er holte den Hund aus der Hütte und ging, um
nachzusehen, was wohl wäre. Und denkt nur, wie auch er staunte, als er das bunte
Wolkenschäfchen bemerkte. Schnell rief er seine Frau. Die aber wußte augenblicklich,
was zu tun war. „Mann", sagte sie, „hol mir die Schere und schere mir das Schaf.
Bald wird es Winter sein, da brauchen die Kinder warme Socken." 
Der Schäfer tat, wie geheißen. Die Frau aber nahm die Wolle und machte daraus
für ihre sieben Kinder
warme Socken. Sie strickte und strickte und nach den Socken strickte sie Handschuhe
und Mützen und Schals
und Pullover. Und obwohl sie strickte und strickte, schien die Wolle kein Ende
zu nehmen.
Als es Winter war, da waren alle sieben Schäferskinder mit herrlicher warmer
Regenbogenwolle bestrickt und als sie so zur Schule gingen, da wollten alle
Schulkinder auch so schöne regenbogenfarbene Socken und Pullover haben. Und
es sprach sich schnell herum, daß Regenbogenwolle vom Wolkenschäfchen nicht
nur wärmte, sondern auch unheimlich gute Laune machte.
Das Wolkenschäfchen indessen fühlte sich wohl auf Erden und seine regenbogenfarbene
Wolle wuchs und wuchs und die Schäfersfrau strickte und strickte ... Und so
kam es, daß sich bald die kleinen und die großen Leute im ganzen Land mit Regenbogenwolle
wärmten. Und im ganzen Land herrschte unheimlich gute Laune, Freude und Zufriedenheit.
Da hatte auch bei den Schäfersleuten alle Not ein Ende.
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